Keimzelle mit Indianern

Jamestown hat nur zwei Einwohner: Bill Kelso und seine Frau. Ein beschauliches Leben führt das amerikanische Ehepaar auf der Halbinsel im Fluss James aber nicht, erst recht nicht in diesen Tagen. Jamestown wird 400 Jahre alt. Das mag für Europäer wie ein Kindergeburtstag klingen. Doch in Virginia feiert man nicht weniger als „den Beginn des modernen Amerika“.

Vor 400 Jahren entstand an der Chesapeake-Bucht die erste dauerhafte englische Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent – dreizehn Jahre bevor die Pilgerväter in Neuengland Plymouth gründeten (Siehe auch: Johannes Fleischer – Der deutsche Siedler in Jamestown). Zum „Geburtsort Amerikas“ haben die Verantwortlichen in Virginia ihre historische Stätte deshalb erklärt. Der wichtigste Ehrengast zur Erinnerung an die Landung der ersten 104 Siedler am 13. Mai 1607 kommt schon an, bevor das Jubiläumsprogramm am 11. Mai offiziell beginnt. Für diesen Donnerstag wird Ihre Majestät Königin Elisabeth II. in Jamestown erwartet.

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Mit drei Schiffen war 1607 die Vorhut der Kolonialisten über den Atlantik gesegelt. 104 Männer und Jungen kamen, getrieben von der Hoffnung auf Gold und andere Reichtümer

Das letzte Mal war sie vor einem halben Jahrhundert da, zum 350. Jubiläum der Kolonie, die nach König James I. benannt ist. Als Geburtstagsgeschenk hatte die Queen 1957 eine gewaltige Schmuckschatulle aus dem 17. Jahrhundert mitgebracht. Das kostbare Stück wird im Museum für amerikanische Volkskunst im benachbarten Williamsburg gezeigt. Die kleine Stadt bereitet sich seit Monaten darauf vor, Jamestown-Besucher aufzunehmen. Denn am „Geburtsort Amerikas“ darf niemand wohnen – außer eben Bill Kelso und seiner Frau.

Das Privileg genießt Kelso, weil er der Wiederentdecker von Jamestown ist, offiziell: der „Leiter des archäologischen Projekts zur Wiederentdeckung von Jamestown“. Schon als der 66 Jahre alte Amerikaner vor mehr als 40 Jahren zum Studium an das College of William and Mary in Williamsburg kam, hatte er sich in den Kopf gesetzt, das historische Jamestown zu finden.

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Die Anfänge waren allerdings nicht sehr ermutigend. Er komme ein paar hundert Jahre zu spät, der Fluss habe die Überreste des Forts weggeschwemmt, sagte ihm damals ein Professor. Doch Kelso leuchtete diese Theorie nicht ein, die damals viele Fachleute vertraten. „Also beschloss ich, selbst Archäologe zu werden“, sagt der Chefausgräber mit dem weißen Schnauzbart, der sein wettergegerbtes Gesicht mit einem breitkrempigen Hut schützt.

Am 4. April 1994 wurde mit den Ausgrabungen begonnen. Seit Kelso damals andächtig die erste Tonscherbe in Händen hielt, sind auf der rund 400 Quadratmeter großen Fläche, auf der das Fort vor 400 Jahren stand, mehr als eine Million Stücke ausgegraben worden. Die Funde füllen mittlerweile ein ganzes Museum: das im vergangenen Jahr eröffnete „Archaearium“ in der Nähe der Ausgrabungsstelle. „Diese Schachfigur könnte ich mir auch in einer Vitrine des Archaeariums vorstellen“, sagt Danny Schmidt und zeigt eine Figur aus Elfenbein oder Knochen, die er vor einer halben Stunde gefunden hat. Der 29 Jahre alte Archäologe mit Stoppelbart und Sommersprossen half schon als Schülerpraktikant bei den Ausgrabungen und kann noch lange arbeiten: „Wir haben erst 40 Prozent der Fläche untersucht.“

Eine Gewissheit haben die Forscher aber ohnehin schon ausgegraben: Der „Geburtsort Amerikas“ war kein beschauliches Plätzchen. Hunger, Krankheit und Kampf prägten das meist nur kurze Leben der frühen Siedler. Der amerikanische Traum, mit harter Arbeit schnell reich zu werden, erfüllte sich für die allermeisten nicht. Manche der mitgereisten Gentlemen waren es freilich auch nicht gewohnt, sich die Finger schmutzig zu machen.

Umso härter traf die Kolonisten die katastrophale Dürre, die bei ihrer Ankunft herrschte. Vor allem der Hungerwinter 1609/1610 war ein Albtraum. Von den 500 Siedlern lebten im Frühjahr 1610 nur noch 60. Wer nicht verhungerte, lief Gefahr, von Angehörigen verspeist zu werden. Ein Siedler habe seine Frau geschlachtet und Teile von ihr gegessen, berichtet ein Chronist, der „von einer Speise in Gestalt einer gesalzenen Ehefrau noch nie gehört hatte“.

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Angesichts derartiger Zustände verwundert es kaum, dass das Londoner Unternehmen, das die Kolonisierung Virginias betrieb, bankrott ging. Die „Virginia Company“ hatte auf dem neuen Kontinent einen Handelsstützpunkt errichten wollen. An Landwirtschaft hatten die Investoren kein Interesse. Doch letztlich war es der Tabakanbau, der Jamestown rettete – und für Tausende Indianer und Schwarze Untergang und Sklaverei bedeutete.

Die „Virginia Company“ hatte die Kolonisten gemahnt, „die Eingeborenen nicht zu erzürnen“, das sei schädlich für die Geschäfte. Dennoch kam es immer wieder zu Spannungen und Krieg und letztlich zur Verdrängung der Indianer. Als Jamestown gegründet wurde, lebten entlang der Chesapeake-Bucht 30 Stämme der Powhatan mit ungefähr 15 000 Mitgliedern. Zum Ende des 16. Jahrhunderts waren es nur noch 2000. Der Name Jamestown ist zudem mit der Sklaverei verknüpft: Im August 1619 wurden dort etwa zwanzig Schwarze von einem holländischen Sklavenhändler an Land gebracht.

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Ob alle Afrikaner auf dem Schiff Sklaven waren, ist nicht ganz klar. Womöglich seien einige „Schuldknechte“ gewesen, die jahrelang unbezahlt Dienste leisten mussten, aber dann schließlich frei kamen, schildert Kirk Kehrberg vom United States Park Service. Auch das Schicksal späterer Generationen von Schwarzen wurde in Jamestown besiegelt. Denn in der ersten Hauptstadt der Kolonie Virginia wurde die Sklaverei auf dem amerikanischen Kontinent gesetzlich institutionalisiert. Genug Gründe, um das Wort „Feiern“ zum 400. Geburtstag von Jamestown durch „Gedenkveranstaltungen“ zu ersetzen.

Ob Jamestown ein Fiasko oder ein Erfolg war – darüber wird nach wie vor gestritten. Kritiker stören sich schon daran, dass Jamestown nicht die erste europäische Kolonie gewesen sei. Dieser Titel gebühre St. Augustine in Florida, wo sich schon 1565 die Spanier niederließen. Auch sei nichts Rühmliches darin zu erkennen, dass einige Abenteurer aus Europa mit dem Geld reicher englischer Investoren auf dem Land der Indianer und unter Ausbeutung der Schwarzen eine Stadt zusammengezimmert hätten, die von der Droge Tabak gelebt habe.

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Bald waren die Tabakfelder sogar alles, was von Jamestown blieb. Schon 1699 wurde beschlossen, die Hauptstadt der Kolonie Virginia nach „Middle Plantation“, ins spätere Williamsburg zu verlegen. Da war die Luft angeblich „wie Seide“, es gab Quellen mit Frischwasser und weniger Stechmücken als am sumpfigen Ufer des Flusses James. Widrige Umwelt- und Wetterverhältnisse hatten den ersten Europäern freilich auch an anderen Orten auf dem Kontinent zu schaffen gemacht.

Weshalb Boston, New York, Philadelphia und Charleston dennoch pro-sperierten, Jamestown aber unterging, dazu gibt es zahlreiche Theorien, aber keine eindeutige Antwort. Aber warum sollte man überhaupt der Gründung einer Stadt gedenken, die es nicht einmal bis ins nächste Jahrhundert geschafft hat? „Weil sich nicht leugnen lässt, dass Jamestown wichtig ist“, sagt der Kurator Thomas Davidson. Jamestown sei die Keimzelle dessen, was bis heute charakteristisch für die Vereinigten Staaten sei: kulturelle Verschiedenheit, globale Wirtschaftsbeziehungen und Demokratie.

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So trat im Juli 1619 in der Kirche von Jamestown mit der „General Assembly“ die älteste gesetzgebende Versammlung in der westlichen Hemisphäre zusammen. In der Rückschau wird aber auch deutlich, wie eng Bürgerrechte und die Negierung fundamentaler Freiheiten zusammenlagen: Nur einen Monat nachdem im Kirchenchor der Samen der amerikanischen Demokratie gesät worden war, legte das Sklavenschiff in Jamestown an.

Beide Ereignisse erlebte John Smith, der Bekannteste unter den ersten Siedlern, nicht mehr mit, da er schon 1609 wegen einer Verletzung zurück nach England musste. Smith war ein Abenteurer, dessen Prahlereien und Fabulierfreude schon das Misstrauen seiner Zeitgenossen weckte. Ist den Schilderungen des „Captain Smith“ von den Anfängen Jamestowns zu trauen? Smith war ein „oft taktloser und manchmal sogar brutaler Mann“, heißt es freimütig auf der Tafel, die in Jamestown unter seinem Standbild in der Nähe des Landeplatzes der ersten Siedler angebracht ist.

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Aber „Gouverneur Smith“, wie er sich 1608 nennen durfte, war einer der erfolgreichsten Verhandlungsführer gegenüber den Indianern. Beinahe wäre Smith den Powhatan allerdings selbst zum Opfer gefallen. Wäre da nicht die junge, schöne Häuptlingstochter Pocahontas gewesen, die bei ihrem Vater erfolgreich um Gnade für den Engländer flehte. So lautet die romantisch-zweifelhafte Version von Smith’ Rettung. Dass die vorpubertäre Pocahontas den vierschrötigen Engländer liebte, erscheint vielen Fachleuten unwahrscheinlich.

Aber Beverly Straube, die Kuratorin der archäologischen Sammlung von Jamestown, meint: „Da war schon etwas. Schließlich hat Pocahontas das Fort nach Smiths Abreise nicht mehr betreten.“ Die Häuptlingstochter wurde berühmt als Grenzgängerin zwischen den Kulturen. Nachdem die englischen Siedler sie 1613 als Geisel genommen hatten, bekannte sich Pocahontas zum christlichen Glauben und heiratete 1614 den Tabakbauern John Rolfe.

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Nach einer „romantischeren“ Darstellung heiratete sie Captain Smith, der sie später loswerden wollte und sich deshalb für tot erklären ließ. Sie folgte ihm dennoch nach England, begegnete ihm zufällig auf der Straße und kehrte enttäuscht nach Virginia zurück. Historisch gesichert ist jedoch, dass Pocahontas in London erkrankte und dort 1617 starb.

Doch lebt sie bis heute als romantische Heldin fort. Unter anderem wurde die Häuptlingstochter 1995 von den Walt-Disney-Studios für den Zeichentrickfilm „Pocahontas“ neu erfunden. Beverly Straube stört die Hollywood-Verklärung nicht: „Der Film hat Besucher hierher gebracht.“

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Vom Jubiläum erhoffen sich die Offiziellen in Jamestown, dass der „Geburtsort Amerikas“ endlich den gebührenden Platz in den Schul- und Geschichtsbüchern bekommt. „In den meisten Schulen wird immer noch unterrichtet, dass die europäische Besiedlung Amerikas mit der Landung der Pilgerväter in Plymouth begann“, kritisiert Beverly Straube. Jamestown dagegen sei wegen des verlorenen Bürgerkrieges zur Fußnote abgerutscht.

Das zu ändern sei schwierig, auch deshalb, weil Plymouth Zufluchtsort für religiös Verfolgte geworden sei, Jamestown dagegen vor allem mit dem Gewinnstreben der „Virginia Company“ in Verbindung gebracht werde. Außerdem profitiert Plymouth davon, dass das amerikanische Erntedankfest mit den Pilgervätern verknüpft ist. „Da wäre es nur fair, wenn wir einen nationalen Jamestown-Tag hätten“, sagt Beverly Straube. „Gleich am Tag nach Thanksgiving.“

 

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