Deutsche Umwelttechnologien werden schon heute in alle Welt exportiert. Ein globaler Ökoboom könnte die Branche zum wichtigsten Industriezweig machen.
Die Grundfos-Magna ist kein Produkt, das seinem Besitzer in der Nachbarschaft besonderen Ruhm einbringt. Auch die Wilo-Stratos eignet sich nicht zum Protzen. Dabei handelt es sich bei beiden Produkten um technologisch hochwertige Erzeugnisse. Um echte Wundermaschinen.
Die Grundfos-Magna und die Wilo-Stratos sind Heizungspumpen der besonderen Art. Verglichen mit herkömmlichen Pumpen, verbrauchen sie nur ein Fünftel des Stroms, um das warme Wasser im Haus zirkulieren zu lassen. Brüsseler Kontrolleure haben sie mit dem Energielabel A ausgezeichnet. Schon drei Jahre nach dem Kauf, so beschreibt es Horst Elsner mit für seine Verhältnisse eher untechnischen Worten, verwandele sich die Pumpe »praktisch in eine Gelddruckmaschine«.
Elsner ist Präsident des Fachverbandes Pumpen + Systeme, der zum Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau gehört. Wenn man ihn fragt, wie hoch die Nachfrage nach den Gelddruckmaschinen ist, antwortet er, dass es einen klaren »Trend zur Energiesparpumpe« gebe. Im vergangenen Jahr hätten die europäischen Hersteller doppelt so viele abgesetzt wie 2005. Zufrieden ist Elsner nicht. Denn im Verhältnis zu den Stromfresserpumpen kommen die Sparpumpen bisher nur auf einen Marktanteil von fünf Prozent.
Bleibt die grüne Technologie, die derzeit vier Prozent des deutschen Industrieumsatzes ausmacht, eine Nischenveranstaltung? Oder steht sie in Zeiten des Klimawandels vor einem gewaltigen Wachstum, das besonders der exportorientierten deutschen Wirtschaft ungeahnte Chancen bietet?
Sigmar Gabriel ist Optimist. Der Umweltminister prognostiziert der Wirtschaft ihr grünes Wunder: Im Deutschland des Jahres 2020 würden Geschäfte mit nachwachsenden Rohstoffen, effizienten Geräten und alternativen Energien das Wachstum treiben. Grüne Stromfabriken liefern dann jede vierte Kilowattstunde Strom. Umwelttechnologie-Unternehmen beschäftigen eine halbe Million Arbeitnehmer. Sie erwirtschaften ein Zehntel des Umsatzes der gesamten Industrie und lassen den Fahrzeugbau hinter sich. Und sie mischen weltweit in dem grünen Megageschäft mit. »Greentech made in Germany« könnte ein Zehntel eines 2200 Milliarden Euro schweren Weltmarktes ausmachen.
Der Umweltminister schwärmt von der »dritten industriellen Revolution«. Gabriels Visionen beruhen auf groß angelegten Studien der Unternehmensberatung Roland Berger, des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).
Danach könnten deutsche Unternehmen künftig auch bei Ökoenergien weltweit die Maßstäbe setzen, für die sie in »traditionell grünen Leitmärkten« schon heute bekannt sind, wie Roland-Berger-Umweltexperte Torsten Henzelmann erklärt. Bei Abfallverwertungstechnologien, Energie- und Kraftwerkstechnik, bei effizienten Haushaltsgeräten, in der Antriebstechnik, bei nachhaltigen Verkehrssystemen und bei der Aufbereitung von Wasser – auf all diesen Feldern erwirtschaften deutsche Firmen zuverlässig »zwischen fünf und dreißig Prozent des weltweiten Umsatzes«, sagt Henzelmann.
Der sich abzeichnende weltweite Boom der Ökoenergien eröffnet deutschen Unternehmen jetzt neue Möglichkeiten: Schon im Jahr 2010, so prognostiziert der Bundesverband der Erneuerbaren Energien (BEE), dürfte ein Drittel des Branchenumsatzes von 45 Milliarden Euro auf den Export entfallen. Vorreiter im Auslandsgeschäft ist die Windindustrie, die heute schon zwei Drittel des Geschäfts aushäusig erwirtschaftet – ein internationaler Erfolg, von dem deutsche Solarunternehmen oder Biogasfirmen bislang nur träumen können.
Dass die lang geschmähten Umwelttechnologien einen Wachstumsschub bringen könnten, freut mittlerweile selbst die Lobbyisten im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Die Verbreitung klimaschonender Technologien eröffne dem »Weltmarkt- und Innovationsführer« Deutschland große Chancen für Wachstum und Beschäftigung, vermeldet der BDI-Konjunkturreport.
Auf dem Umweltsektor ist Deutschland tatsächlich spitze. Vor vier Jahren lösten hiesige Firmen die amerikanische Konkurrenz als weltgrößten Exporteur von Umwelttechnologien ab. Das sei allerdings »kein Grund für allzu viel Euphorie«, warnt Rainer Walz vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. Denn die Pioniere jenseits des Atlantiks ließen sich trotz umweltpolitischer Flaute zu Hause genauso viele Patente für effiziente Technologien sichern wie deutsche Tüftler. Werde der »schlafende Technologieriese USA« geweckt, zum Beispiel durch ambitionierte Klimapolitik in Washington, dann »muss sich Deutschland warm anziehen, um vorn zu bleiben«.
Im Silicon Valley, der legendären Heimat des Computer- und Internetbooms, schieben Firmengründer, Risikokapitalgeber und Wissenschaftler bereits die grüne Industrierevolution an. Sie experimentieren mit genmanipulierten Hefezellen oder Algen, um neue Treibstoffe herzustellen. Oder mit Superlegierungen für leistungsfähigere Solarzellen. Wagniskapital gibt es genug, schließlich versprechen der hohe Ölpreis, knapper werdende Ressourcen, steigender Energiebedarf und der Klimawandel satte Renditen.
Der Begriff Silicon Valley weckt wehmütige Erinnerungen. Zu Zeiten der New Economy blühte auch der deutsche Erfindergeist – die Vorherrschaft in dem daraus gewachsenen Markt sicherten sich allerdings eBay, Google und Yahoo.
Dass deutsche Umwelttechnologien auf dem Weltmarkt führen, ist also keineswegs selbstverständlich. Ein Blick in einzelne Branchen zeigt die Gefahren. Zwar erfand etwa der deutsche Chemie- und Pharmakonzern Merck jene Flüssigkristalle, die heute in Flachbildschirmen für schnellen Bildaufbau und niedrigen Energieverbrauch sorgen – die hiesige Anschlussindustrie allerdings verschlief die Entwicklung. Bildschirme liefern heute Sony, Toshiba oder Apple. Oder das Wassergeschäft: Mittelständler aus der deutschen Provinz können weltmeisterlich Komponenten zur Wasser- und Abwasseraufbereitung oder auch Anlagen zur Meerwasserentsalzung liefern. Das internationale Wassergeschäft aber findet ohne die Deutschen statt – ein Trauerspiel angesichts eines Marktes, der laut Brüsseler Prognosen bis 2010 auf 400 Milliarden Euro wachsen soll.
Die nächste Pleite scheint programmiert. In einer Schublade des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme liegt ein Produkt, das den Mobilfunk revolutionieren könnte. Telefonieren rund um die Uhr, ohne lästiges Ladekabel, aber mit permanent geladenem Akku – schon vor sechs Jahren hätte dieser Traum in Erfüllung gehen können. Damals entwickelten die von Siemens beauftragten Freiburger Forscher ein Telefon mit integrierten Hochleistungssolarzellen – welches maximal 20 Euro mehr gekostet hätte. Doch die Prototypen verschwanden wieder. Warum griff kein Konkurrent zu? Forschungschef Christopher Hebling schweigt. »Extrem zögerlich« seien Hersteller bei solchen Innovationen, sagt er dann. Hebling hofft, »dass der Ökoboom endlich eine beherzte Firma ermuntert, das Solarhandy zu produzieren«.
Ob Solarhandy oder hoch effiziente Pumpen – Umweltfreundliches ist am Markt nicht zwangsläufig sexy. Private und gewerbliche Verbraucher entscheiden sich oft einfach für das billigste Produkt. Dass es über kurz oder lang teurer wird als ein energiesparendes, zählt nicht sonderlich.
Der Erfolg der grünen Produkte hängt also davon ab, ob die jahrelang von »Geiz ist geil«-Parolen geprägten Kunden langfristig umdenken. Das den Deutschen nachgesagte Umweltgewissen allein wird kaum reichen, ein grünes Wirtschaftswunder auszulösen – sondern Beiwerk sein in einer Kombination von Umweltgesetzen und ökonomischen Anreizen.
Vor vielen Jahren hat dieser Mix die fossile Energietechnik an die Weltspitze katapultiert. Getrieben durch strenge Vorschriften zur Luftreinhaltung, hätten deutsche Filterhersteller in Technologien zur Entschwefelung von Kraftwerkabgasen investiert, so Bodo Gehrmann von Thyssen Krupp VDM. Die Nickellegierungen des Konzerns entwickelten sich – obwohl vergleichsweise teuer – zum Exportschlager. Heute stammt beinahe jede sechste Tonne, die weltweit geliefert wird, aus den Werken des deutschen Unternehmens. Gehrmann blickt optimistisch in die Zukunft: Angeregt durch klimapolitische Vorgaben, tüfteln Kraftwerksbetreiber jetzt an Technologien, die die Klimagase reduzieren. So sollen Verbrennungskessel in Kohlekraftwerken mit Superlegierungen ausgekleidet werden, die Temperaturen bis 700 Grad mühelos standhalten – was den Wirkungsgrad deutlich verbessert und weniger Verschmutzungsrechte erfordert.
Die grünen Energieproduzenten wiederum verdanken den Boom der vergangenen Jahre vor allem einem großzügigen Fördersystem, das eine permanent hohe Nachfrage garantiert. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) der rot-grünen Regierung ließ klimafreundliche Stromfabriken wie Pilze aus dem Boden schießen. Mittlerweile versorgen sie zehn Millionen Menschen mit Elektrizität.
Der politisch initiierte Nachfrageschub hat jedoch nicht nur einen Technologieboom zu Hause ausgelöst. Es gibt auch eine »Kehrseite«, sagt ISI-Forscher Walz. Da inländische Produktionsanlagen die Nachfrage noch nicht decken können, werden Güter wie beispielsweise Solarzellen importiert – was internationale Unternehmen von den staatlich garantierten Einspeisevergütungen profitieren lässt und hiesigen Unternehmen kaum technologischen Vorsprung bringt.
Manche Experten glauben sogar, dass der hierzulande erzeugte Solarstrom zu gut bezahlt wird, was die Branche eher innovationsträge mache. ISI-Untersuchungen zufolge meldet der Weltmarktführer Japan jedenfalls weiterhin die meisten Patente für Photovoltaik an. Der großzügige Garantiepreis bietet den Anlagenherstellern kaum Anreize, Kosten zu senken. Wer bis 2007 eine Solaranlage auf sein Dach setzt, erhält über 20 Jahre lang etwa 49 Cent für jede Kilowattstunde, die er ins Stromnetz einspeist. Dank der großzügigen Vergütung kaufen die Verbraucher Anlagen, die vergleichsweise teuer sind. Auch deshalb gehören Hersteller wie Solarworld, Q-Cells oder Ersol zu den renditestärksten Firmen am Aktienmarkt.
Beim Wind sind die Deutschen Weltmarktführer. Dank EEG hat hierzulande jeder halbwegs windstarke Standort sein Windrad. Und beinahe jede zweite beim Europäischen Patentamt angemeldete Erfindung geht auf hiesige Tüftler zurück. Größer werdende Windparks – etwa in der Nordsee – erfordern allerdings ein »noch schnelleres Wachstum«, sagt Helmut Edelmann, Energieexperte bei Ernest&Young. Die Unternehmen bündeln deshalb ihre Kräfte und fusionieren: Im Jahr 2004 zählte Edelmann 65 Transaktionen, ein Jahr später waren es schon 113. Finanzkräftige Investoren stehen in dieser Branche Schlange, wie der Bieterkampf um den Windturbinenhersteller Repower zeigte, jener Hamburger Firma, die die weltgrößte 5-Megawatt-Turbine entwickelte. Schließlich sicherte sich der indische Windturbinenbauer Suzlon gemeinsam mit dem französischen Atomkonzern Areva das Sagen. Jetzt entwickelt Suzlon das Geschäft: Der Konzern bietet vom Fundament bis zum Rotorblatt alles aus einer Hand an. Der Umsatz soll um 50 Prozent steigen, die Firma weltweit zur Nummer drei der Branche werden. Längst scharen auch Großkonzerne wie Siemens, BP, Shell oder General Electric die kleinen Spezialisten um sich. Derzeit steht die Windenergiefirma Nordex vor einem Verkauf.
Vor allem aber bemühen sich die Giganten des Marktes um ein grünes Image. Schon 1997 kreierte der britische Ölmulti BP den Slogan »beyond petroleum«. Damals glaubten viele, die symbolische Sonnenblume signalisiere den Wechsel zu grüner Energie. Aber da täuschten sie sich. Zehn Jahre später ist BP mit 500 Millionen US-Dollar Jahresumsatz zwar der drittgrößte Anbieter am weltweiten Solarmarkt – und dennoch ist das Geschäft verschwindend klein im Vergleich zu dem Umsatz von Öl und Gas. Außerdem fehlen immer noch die Solarpanels auf den BP-Produktionsanlagen selbst. Der neue Konzernchef Tony Hayward sieht »beyond petroleum« nicht so eng, sondern subsumiert darunter BPs Vorbereitungen auf eine fossile Wirtschaft, »in der CO₂-Emissionen begrenzt sind«. Und so werden in dem BP-Geschäftsbereich »alternative energy« sowohl Investments in kohlendioxidarme fossile Kraftwerke, moderne Gasturbinen als auch in Wind- und Solarparks geplant.
Der US-Riese GE hat sein komplettes Angebot nach ökologischen Kriterien durchgestylt. Seit 2005 tragen alle für »energieeffizient und umweltfreundlich« befundenen Produkte das Label »ecomagination«. Vorstandschef Jeff Immelt freut sich über »außergewöhnliche Umsätze«. Im vergangenen Jahr haben Produkte mit dem Label 12 Milliarden US-Dollar eingebracht, ein Plus von 20 Prozent. Der Auftragsbestand beläuft sich auf 50 Milliarden US-Dollar. Auch intern macht Immelt Druck. GE hat sich verpflichtet, bis 2012 bei wachsender Produktion ein Prozent weniger Treibhausgase in die Atmosphäre zu entlassen und Energie um dreißig Prozent effizienter zu nutzen.
Nicht alle Branchen profitieren vom grünen Boom. Die Deutsche Bank Research stuft in einer druckfrischen Studie das traditionelle Flaggschiff der deutschen Wirtschaft, die Automobilindustrie, als »Verlierer« ein. Bei den hiesigen Autoherstellern, weltweit bekannt für schnelle und schwere Schlitten, dürften verschärfte Emissionsgrenzen für neu zugelassene Pkw, die geplante Umstellung der Kfz-Steuer auf den CO₂-Ausstoß und Einschränkungen bei der großzügigen Dienstwagenregelung für steil steigende Investitionen in energiesparende Wagen sorgen. Der Treibstoffverbrauch werde »zu einem wichtigeren Entscheidungskriterium«, sagt Deutsche-Bank-Research-Umweltexperte Eric Heymann. Die deutschen Autobauer müssen sich neu orientieren. Profitieren dürften die Zulieferer. Bosch entwickelt Systeme, die weniger Schadstoffe in die Luft entlassen, darunter hoch effiziente Einspritzdüsen für Dieselmotoren und die Start-stopp-Automatik. BMW will diese Technik in vielen Modellen anbieten, ebenso Porsche. Der Geländewagen Cayenne braucht dann bis zu 15 Prozent weniger Kraftstoff. Dennoch werden Deutsche künftig öfter aufs eigene Auto verzichten, glauben Umweltexperten, und Carsharing oder Fahrgemeinschaften betreiben.
Die Finanzwelt hat den Klimawandel längst als Faktum begriffen. Der »eindeutige Wachstumsmarkt« freut Banker wie Heymann. Sie finanzieren den Ausbau der grünen Energien. Gleichzeitig floriert das Beratungsgeschäft – Kunden wollen mehr über neuartige Ökofabriken wissen. Die Branche konstruiert neue Anlage- und Finanzprodukte wie Umwelttechnologiefonds oder Wetterderivate. Dadurch erhöht sich der Druck auf die Industrie, fließen doch immer öfter Klimarisiken in Bonitätsbeurteilungen ein. »Wer geringe Emissionen produziert, hat Vorteile«, lautet die einfache Rechnung von Heymann. Für viele Industriezweige seien Klimaveränderungen genauso bedeutend wie Wechselkurs- oder Zinsrisiken.
Die Zeiten ändern sich also. Beim Pumpenhersteller Wilo ging jüngst eine Bestellung von Tom Zylstra ein, einem führenden Vertragshändler der legendären Motorradmarke Harley Davidson. Zylstra baut neue Niederlassungen auf, die erste nahe Chicago betreibt er nun mit einer CO₂-neutralen Heizung. Den Kessel befeuern Maispellets – und zwei Stratos verteilen die Wärme über 7400 Quadratmeter. Der Harley-Händler hält die deutschen Heizungspumpen für coole Maschinen.